Zum Hauptinhalt springen

Rethem – Hochburg des Muckefuck

Die Gemeine Wegwarte / Foto: TeunSpaans, wikimedia, GNU-Lizenz

Die Gemeine Wegwarte / Foto: TeunSpaans, wikimedia, GNU-Lizenz

In Rethem gab es einst eine Zichorien-Fabrik. Man darf sich darunter jetzt kein Gebäude mit Riesenschornstein und weitläufigen Hallen vorstellen, eher einen kleinen Anbau mit Röstpfanne neben einem ganz normalen Haus. Hans-Heinz Schultze schrieb 1987 in der ‘Walsroder Zeitung’ einen Artikel zu dieser vergessenen Episode der Rethemer ‘Industriegeschichte’:

„Kaffee, heute in aller Munde, war für die meisten Rethemer vor dem Kriege ein Luxusgetränk. Man trank Gerstenkaffee oder ähnliches Gebräu. Im Kriege gab es sowieso keinen Kaffee. Sonntags gab es dann mal 1/8 Kaffee. Um dem Gerstenkaffee einen gewissen Geschmack und auch die nötige Farbe zu geben, wurde Zichorie hinzugefügt. Rethem hatte einen „Zichorienbrenner“, Fritz Westermann. Er wohnte in einem kleinen Häuschen auf der Bleiche und brannte nicht nur für die Rethemer einen Extrakt aus der Wurzel, sondern fuhr auch mit einem kleinen Hundewagen über die Dörfer zu den Bauern, um dort im Hause zu brennen. Er gab seinen Beruf schon Ende der zwanziger Jahre auf, sein Nachfolger Wilhelm Engelke (Spitzname Richthofen) brannte noch bis in die vierziger Jahre hinein.“

Die Zichorie oder Gemeine Wegwarte wuchs damals überall am Wegesrand, eine Abart ihrer bitteren Knolle kann man noch heute als Chicoree auf jedem besseren Wochenmarkt zur Zubereitung exquisiter Salate kaufen. In Deutschland wurde die Wegwarte im Jahr 2009 zur Blume des Jahres gewählt. Die geröstete Wurzel dieser Pflanze setzte man dem Kaffee-Ersatz zu, um die ‘Plörre’ etwas originalgetreuer schmecken zu lassen.

Der aus Gerste, Malz und anderen Zutaten hergestellte Ersatzkaffee trug damals die Bezeichnung “Muckefuck” (von ‘Mocca faux’ = ‘falscher Kaffee’), und er wurde unter Namen wie ‘Caba’ oder ‘Kathreiner Malzkaffee’ im ganzen Land vertrieben. Heute ist das Getränk wieder sehr en vogue, vor allem in Kreisen, wo man auf eine nachhaltige Ernährung achtet. Unter Namen wie ‘Landkaffee’ oder ‘Naturkaffee’ wird er für teures Geld vermarktet. Überdies soll die Zichorie eine erotische Zauberkraft besitzen, die alte Männer in pubertierende Jünglinge zurückverwandeln kann.

Eigentlich wäre es doch eine gute Idee, diese alte Tradition der Zichorienbrennerei wiederaufleben zu lassen. Zumal ein solches Geschäft perfekt zur Geschichte Rethems als niedersächsischer ‘Produktionsstätte des Muckefuck’ passen würde.

Sich högen

Die Sprache im südlichen Heidekreis steckt voller ‘Regionalismen’ und Bedeutungen, die sich Gästen und Touristen nicht unmittelbar erschließen. So gibt es oft die Frage, was mit ‘sich högen’ eigentlich gemeint sei. Sprachwissenschaftler sagen uns, dass sich dieses norddeutsche Verb vom altsächsischen ‘huggian’ ableite, wo es schlicht ‘denken’ bedeutete. Im Mittelniederdeutschen wurde daraus dann ‘hogen’, was mit ‘erfreuen’ zu übersetzen sei. Heute ist jemand, der sich högt, ein Mensch, der gewissermaßen freudig in sich hineinlacht und sich dabei – ganz ‘altsächsisch’ – durchaus etwas denkt.

Da aber Bilder oft mehr sagen, als viele Worte – hier ist ein Mensch zu sehen, der sich eindeutig ‘högt’:

Dej högt sich wat! / Foto: Reiner Dittmers

Dej högt sich wat! / Foto: Reiner Dittmers

Der Fluss als Grenze

Hochwasser an der Aller / Foto: Klaus Jarchow

Hochwasser an der Aller / Foto: Klaus Jarchow

Ein Fluss verbindet die Menschen nicht nur, er trennt sie auch. Hierzulande macht es also schon einen Unterschied, ob man rechts oder links der Aller wohnt – vor allem bei Hochwasser. So schleppen sich bspw. in dieser Region noch heute Prozesse dahin, die sich um die Höhe von Schutzdeichen drehen.

Wirft eine Gemeinde nämlich mehr Lehm auf neue Deiche als vorgesehen war, dann ist sie natürlich auch besser vor künftigen Überschwemmungen geschützt als jene Gemeinden auf der anderen Seite des Flusses, wo die Deiche nicht so imposant gestaltet wurden. Im Falle eines Falles stünden dann eben dort die Wiesen unter Wasser – und nicht im eigenen Beritt. So finden Vermesser und Sachverständige im südlichen Heidekreis stets genügend Arbeit – und die nachfolgenden Urteile, die dann unter Umständen einen ‘Rückbau’ verlangen, erzeugen nicht nur Kosten, sondern auch böses Blut.

Die Folgen sind dann nicht mehr nur rein sachlich begründet. Es entstehen im Laufe der Geschichte kulturelle Rivalitäten und ein unterschwelliges Misstrauen, das tief hinein in die bäuerliche Vergangenheit der Region reicht. Wer rechts der Aller wohnt, der hat Vorbehalte gegen die Leute links der Aller – wie auch umgekehrt.