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Stadtverstand und Landgefühl

Jemand habe sich ‘contre coeur’ entschieden, sagen die Franzosen, ‘gegen sein Herz’ und gegen sein richtiges Gefühl. So scheint es vielen Deutschen zu ergehen, fragt man sie nach ihren Ansichten zum großstädtischen und ländlichen Leben. Das Institut Allensbach hat dies gerade wieder getan. Demnach ziehen die Menschen dorthin, wo es ihnen subjektiv schlechter ergeht.

Auf dem Land leben die Menschen schlicht ‘glücklicher’, das glauben inzwischen schon vier Fünftel aller Menschen, unabhängig davon, ob sie nun in großen Städten oder inmitten von Äckern und Feldern leben. 1956 glaubten dies nur 19 Prozent, 1977 immerhin schon 43 Prozent. Ein bemerkenswerter Wandel, der in völligem Gegensatz zu tatsächlichen Gegebenheiten steht.

Glückliches Land ... / Foto: Anne Trebilcock

Glückliches Land … / Foto: Anne Trebilcock

Faktisch wandern nämlich immer mehr Menschen in die Großstädte, vor allem wegen der besseren Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten, obwohl diese von höheren Miet- und Lebenshaltungskosten rasch wieder aufgefressen werden. Die Politik nennt dies ‘das demographische Problem’. So etwas hat natürlich Folgen.

In den Städten steigt fortwährend der Aufwand, der für neue Wohnmöglichkeiten betrieben werden muss, die letzte Brache verwandelt sich dort in Bauland. Auf dem Land wiederum muss immer mehr Infrastruktur von immer weniger Einwohnern erhalten werden, die Kanalisation erweist sich bspw. als überdimensioniert, die Leerstände nehmen zu, die Substanz verfällt.

Faktisch sind die Unterschiede zwischen dem Stadt- und dem Landleben aber geringer, als viele annehmen. Es ist vor allem eine Gefühlsebene, die diese Unterschiede festschreibt, ‘Romantisierung’ spielt die entscheidende Rolle. Die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ schreibt:

Die Begriffe „gute Luft“, „günstiger Wohnraum“ und „Nachbarschaftshilfe“ werden von großen Mehrheiten dem Landleben zugeordnet, Stichworte wie „gute Einkaufsmöglichkeiten“, „abwechslungsreich“, aber auch „Schmutz“ und „Lärm“ dem Leben in der Stadt. Etwas überraschend ist vielleicht dagegen, dass die Befragten die Assoziation „einsam“ zu 27 Prozent dem Landleben, aber zu 39 Prozent dem Leben in der Stadt zuordnen.”

Bei vielen Städtern existiert also ein Bild vom Landleben, das so längst nicht mehr existiert: Da kräht der Hahn noch auf dem Mist, die Kinder spielen mit Lämmern und Katzen auf dem uralten Kopfsteinpflaster des Hofes, an den hölzernen Staketenzäunen rankt sich die Ackerwinde, die gute Oma nebenan erzählt dem Nachwuchs ihre Märchen, während draußen der Wintersturm tobt, und an den Sonntagen zieht die Feuerwehrkapelle vorm Heimatmuseum vorbei.

Mit dem wirklichen Landleben hat diese Idylle natürlich wenig zu tun, mit der Stallfütterung, mit der fortschreitenden Computerisierung der Landwirtschaft, mit der zunehmenden Monokultur und mit vielem mehr. Auch das bäuerliche Leben ist durch und durch ‘modern’ geworden.

Trotzdem liegt in der Sehnsucht der Städter eine große Chance für die regionale Entwicklung auf dem Land. Mit der Stressfreiheit, mit der endlosen Landschaft, mit dem windungsreichen Fluss, mit der ungebrochenen Nachbarschaftshilfe, mit billigen Haus- und Gewerbemieten und mit preiswerteren Lebenshaltungskosten besitzt das Land durchaus Pfunde, mit denen sich wuchern ließe. Auch, indem man die hoffnungslos romantischen Vorstellungen der Städter bewusst argumentativ bedient. Es gilt, jener Sehnsucht des Städters, welche die ‘Landlust’ monatlich millionenfach füttert, eine reale Heimat zu schaffen. So ließe sich vielleicht künftig die ‘Landflucht’ in eine ‘Stadtflucht’ verkehren.

Kleine Stadt mit großem Umland

Rethem vom anderen Allerufer her betrachtet / Bild: Klaus Jarchow

Rethem vom anderen Allerufer her betrachtet / Bild: Klaus Jarchow

Die Stadt Rethem zählt im Kern gerade mal 1.700 Einwohner, mit den dörflich verfassten Ortsteilen Stöcken, Rethem-Moor und Wohlendorf sind es knapp 2.400. Da die Stadt Rethem heute Teil einer Samtgemeinde ist, hat dies strukturelle Probleme zur Folge, die es anderswo nicht in der Form gibt. Umliegende Mitgliedsgemeinden – wie Böhme, Häuslingen oder Frankenfeld – können das urbane Zentrum bei politischen Entscheidungen mit ihrem Stimmgewicht dominieren und ihre spezifischen Anliegen leichter durchsetzen.

Wo sich größere Städte um ihr angegliedertes Umland wenig Gedanken machen müssen, weil ihre schiere Bevölkerungszahl die Politik stets zu einer Berücksichtigung städtischer Interessen zwingt, müssen Politiker der Samtgemeinde Rethem naturgemäß vor allem die bevölkerungsstarken Umlandgemeinden für sich gewinnen, um ihre Wiederwahl zu sichern. Bei den Kommunalwahlen im Mai 2014 zeigte das Ergebnis deutlich diese Tendenz: Der bisherige Bürgermeister der Samtgemeinde, Cort-Brün Voige, gewann die Wahl nur denkbar knapp, vor allem dank der Umlandgemeinden. In der Stadt aber zeigte der Daumen der Bewohnerinnen und Bewohner nach unten.

Der alte und neue Bürgermeister hat gesagt, dass er diesen Fingerzeig verstanden habe und künftig das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger Rethems zurückgewinnen wolle. Wir sollten ihn beim Wort nehmen … vor allem aber auf Taten achten.

Nachtrag: Der Samtgemeindebürgermeister hat sich über diesen Text heute (10. Juli 2014) echauffiert. Er habe das ‘so nicht gesagt’. Das ist schon klar, hätte er es ‘so’ gesagt, stünde seine Aussage ja in Anführungszeichen. Bleibt also die Folgerung, dass der Sinn seiner Aussagen falsch wiedergegeben worden sei, dass er vielleicht ‘den Fingerzeig nicht verstanden habe’, obwohl das Wahlergebnis diese Einschätzung der Stadt doch mehr als deutlich macht. Ferner, dass er vielleicht ‘das Vertrauen der Stadt auch gar nicht zurückgewinnen will’. Das wollen wir doch nicht hoffen. Der Teufel aber ist nun mal ein Logiker … siehe zum Thema auch diesen Brief des Forumsvorsitzenden Dieter Moll an Cort-Brün Voige.

An den blanken Fakten hingegen, also an den strukturellen Besonderheiten unserer Samtgemeinde, lässt sich wohl kaum deuteln, wo sogar die wohlgesonnene ‘Walsroder Zeitung’ von einem ‘Herzschlagfinale’ sprach: “154 Stimmen Vorsprung für Cort-Brün Voige: Stimmen aus Häuslingen und Böhme entscheiden am Ende die Wahl.” Den Kommentar der gleichen Zeitung zur Wahl überschrieb Silvia Herrmann am 27. Mai 2014 mit “Ein abgestrafter Sieger“, die Analyse der Wahl direkt daneben trug die Headline: “Nicht die Stadt Rethem gegen die Dörfer ausspielen / Botschaft ist bei Cort-Brün Voige angekommen“. Mit anderen Worten: Auch er kennt die beschriebenen Konfliktlinien …

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Die 'Walsroder Zeitung' zur Wahl

Die ‘Walsroder Zeitung’ zur Wahl